Getaggtes PDF (Tag-Struktur)
Ein getaggtes PDF trägt einen Strukturbaum, über den Screenreader Überschriften, Listen und Tabellen erkennen.
TL;DR
Ein getaggtes PDF ist eine PDF-Datei, deren Inhalt zusätzlich zur sichtbaren Darstellung mit Strukturelementen (Tags) ausgezeichnet ist, etwa für Überschriften, Absätze, Listen und Tabellen. Diese Struktur dient dazu, Informationen programmatisch ermittelbar zu machen, wie es WCAG 2.1 Erfolgskriterium 1.3.1 „Info und Beziehungen“ (Stufe A) vorsieht. Für Dokumente, die keine Webseiten sind, etwa herunterladbare PDFs, übernimmt EN 301 549 V3.2.1 dieses Kriterium in Klausel 10.1.3.1. Wie PDF für barrierefreie Dokumente zu verwenden ist, legt die internationale Norm ISO 14289-1:2014 (PDF/UA-1) fest.
Was ist ein getaggtes PDF?
Ein getaggtes PDF enthält neben dem sichtbaren Seitenbild eine logische Struktur, den Tag- oder Strukturbaum. Jeder Tag ordnet einem Inhaltsteil eine Rolle zu, zum Beispiel Überschrift, Absatz, Liste, Tabelle oder Abbildung. Hilfstechnologien lesen diese Struktur aus und geben sie in anderer Form wieder.
Den Zweck beschreibt WCAG 2.1. Nach Erfolgskriterium 1.3.1 „Info und Beziehungen“ (Stufe A) müssen Informationen, Struktur und Beziehungen, die über die Darstellung vermittelt werden, programmatisch ermittelbar oder als Text verfügbar sein. „Programmatisch ermittelbar“ heißt laut WCAG-Glossar: Software bestimmt die Information aus Daten des Autors so, dass Benutzeragenten einschließlich assistiver Technologien sie extrahieren und in anderer Form ausgeben können. Als Beispiel assistiver Technologie nennt das Glossar Screenreader, mit denen blinde Menschen Text per Sprachausgabe oder Braille lesen. PDF führt WCAG ausdrücklich als Beispiel einer Web-Content-Technologie auf.
Ist eine Überschrift nur über Schriftgröße oder Fettdruck erkennbar, vermittelt allein die Darstellung die Struktur. Genau diesen Fall adressiert Kriterium 1.3.1. Die Tags machen die Gliederung für Software lesbar. Mehr zur Norm für barrierefreie PDF-Dateien finden Sie im Glossareintrag PDF/UA.
Normbezüge: EN 301 549, WCAG 2.1 und PDF/UA
Weder EN 301 549 V3.2.1 noch WCAG 2.1 verwenden den Ausdruck „getaggtes PDF“. Beide formulieren Ergebnisse: EN 301 549 übernimmt in Klausel 10 für Nicht-Web-Dokumente Erfolgskriterien der WCAG 2.1, darunter Kriterium 1.3.1.
- EN 301 549, Klausel 3.1: Ein Nicht-Web-Dokument ist ein Dokument, das keine Webseite ist, nicht in Webseiten eingebettet ist und nicht für die Darstellung oder Funktion der Seite verwendet wird.
- EN 301 549, Klausel 10.0 (informativ): Klausel 10 gilt für Dokumente, die keine Webseiten sind, für Dokumente, die nicht in Webseiten eingebettet sind, und für Dokumente, die mit Webseiten bereitgestellt, aber weder eingebettet noch zusammen mit der Webseite dargestellt werden. Damit sind herunterladbare Dokumente erfasst. Für Dokumente, die in Webseiten eingebettet sind und mit ihnen dargestellt werden, gilt Klausel 9.
- EN 301 549, Klausel 10.1.3.1: Ein Nicht-Web-Dokument muss WCAG 2.1 Erfolgskriterium 1.3.1 erfüllen. Die Anmerkung bezeichnet es als bewährte Praxis, nicht standardisierte Strukturtypen (Rollen) als Rückfalllösung auf einen Standard-Strukturtyp abzubilden.
- EN 301 549, Klausel 10.1.3.2: Zusätzlich gilt Kriterium 1.3.2 „Sinnvolle Reihenfolge“, siehe Lesereihenfolge.
- EN 301 549, Anhang C.10.1.3.1: Prüfart ist die Inspektion. Das Dokument besteht, wenn es Kriterium 1.3.1 nicht verfehlt.
- EN 301 549, Klausel 4.2.1 Anmerkung 1: Eine Webseite oder Anwendung mit gut aufgebauter semantischer Struktur kann Nutzern ohne Sehvermögen ermöglichen, eine visuelle Benutzeroberfläche zu erkennen, darin zu navigieren und sie zu bedienen.
- ISO 14289-1:2014 (PDF/UA-1): Die internationale Norm legt fest, wie ISO 32000-1:2008 für barrierefreie elektronische Dokumente zu verwenden ist. Sie erschien im Dezember 2014 in zweiter Ausgabe und wurde 2025 bestätigt. Konkrete Verfahren zur Umwandlung von Papier- oder elektronischen Dokumenten in das PDF/UA-Format regelt sie nicht.
Wie Gesetze in Deutschland und in Österreich an harmonisierte Normen anknüpfen, erläutern der Eintrag EN 301 549 und der Artikel PDF/UA, WCAG 2.1 und EN 301 549. Die einzelnen Erfolgskriterien beschreibt der Eintrag WCAG 2.1.
Praxisbeispiel
Ein Unternehmen stellt einen Jahresbericht aus Word und eine Schulungspräsentation aus PowerPoint als PDF zum Download bereit. Beide Dateien sind herunterladbare Dokumente im Sinne von Klausel 10.0 der EN 301 549. So gehen Sie vor:
- Legen Sie die Struktur im Quelldokument an: Formatvorlagen für Überschriften, echte Listen und Tabellen mit Kopfzeilen statt Leerzeichen und Tabulatoren.
- Exportieren Sie mit Tags und prüfen Sie danach den Tag-Baum. Stimmen Überschriftenebenen, Listen und Tabellenköpfe mit der sichtbaren Gliederung überein?
- Bilden Sie nicht standardisierte Strukturtypen (Rollen) auf Standard-Strukturtypen ab. Die Anmerkung zu Klausel 10.1.3.1 empfiehlt das als bewährte Praxis.
- Gleichen Sie die Reihenfolge der Tags mit der sichtbaren Lesereihenfolge ab (Klausel 10.1.3.2).
Ein vorhandener Tag-Baum belegt die Konformität nicht allein. Anhang C sieht für Klausel 10.1.3.1 eine Inspektion des Dokuments vor. Eine Schritt-für-Schritt-Hilfe bietet die Checkliste für Word und PowerPoint. Wenn Sie Berichte, Formulare oder Präsentationen nicht selbst umstellen möchten, können Sie barrierefreie Dokumente aufbereiten lassen.
Häufig gestellte Fragen
Ist ein getaggtes PDF automatisch barrierefrei?
Schreibt EN 301 549 Tags oder PDF/UA vor?
Gilt Klausel 10 auch für PDFs, die auf einer Website verlinkt sind?
Siehe auch
- PDF/UA (ISO 14289)
- Lesereihenfolge
- EN 301 549 (harmonisierte Norm Barrierefreiheit IKT)
- WCAG 2.1 (Web Content Accessibility Guidelines)
Quellen
- ETSI EN 301 549 V3.2.1 (2021-03), Barrierefreiheitsanforderungen für IKT-Produkte und -Dienstleistungen, Klausel 3.1 (document, non-web document); Klausel 4.2.1 Anm. 1; Klausel 10.0 (informativ); Klausel 10.1.1.1; Klausel 10.1.3.1 mit Anmerkung; Klausel 10.1.3.2; Klausel 10.1.4.1; Anhang C.10.0 und C.10.1.3.1, etsi.org
- W3C Web Content Accessibility Guidelines (WCAG) 2.1, W3C Recommendation, Erfolgskriterium 1.3.1 Info and Relationships (Stufe A); Glossar: programmatically determined, assistive technology, web content technologies, w3.org
- ISO 14289-1:2014, Use of ISO 32000-1 (PDF/UA-1), ISO-Katalogseite mit Abstract, Abstract (Anwendungsbereich und Ausschlüsse); Edition 2, 2014-12; bestätigt 2025, iso.org